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Im zweiten Nachkriegsjahrgang des "Monatsblatt für Homöopathie und Lebenspflege" (1951 S. 40), auf seinem Titelblatt Dr. Hahnemanns Charakterkopf mit seinem scharfen Altersprofil, nach dem Bronzerelief des Pariser Bildhauers J.P. David d'Angers (1835), umrandet von "Similia similibus curentur" (1), wird ein Vortrag von Hrn. Dr. Breuninger vom 25.1.1951 besprochen: Besuch zufriedenstellend, Inhalt sehr interessant, sein Thema: was hat sich seit Hahnemann in der Homöopathie geändert? "Mit kurzen Worten gesagt, fast gar nichts. Das Prinzip ist geblieben, mag die Anwendung auch etwas verschieden sein." Beklagt wird die "Amerikanisierung" der Medizin, sprich: zunehmende Verwendung von Penicillin und Antibiotica. Dieses Urteil kann heute, vor allem nach dem Jubiläumsjahr 1996, nicht (mehr) unseres sein. Dr. med.
Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) (2) prüfte und beschrieb 97 homöopathische
Arzneien: die letzte Fassung der "Reinen Arzneimittellehre" für 65
Mittel mit etwa 32.000 Symptomen, vorwiegend von Pflanzen, besteht aus
dem Nachdruck letzter Hand von 1830 in sechs Bänden (Ndr.
Heidelberg 1995). Von 1835 bis 1839 ließ Hahnemann "Die
chronischen Krankheiten " als erweiterte zweite Auflage in fünf
Bänden (für 46 Mittel, vorwiegend Metalle) erscheinen,
erstmals 1956 wieder nachgedruckt (4. Ndr. Heidelberg 1988 u.ö.);
14 Mittel waren aus der RAML in die CK übernommen worden. Unverzichtbar ist diese Edition für die erstmals hier beschriebenen grundsätzlich veränderten Potenzierungsverfahren
(§61,238,246-248,270,280-282), lies: Q-Potenzen.- Inzwischen gibt
es eine Organon-Synopse aller sechs Auflagen von 1810 bis 1842, hrsg.
Matthias Wischner.- Gefördert vom Konzernchef Robert Bosch (1861-1942)
(6), sammelte der Kirchheimer Dr. med.hom.
Richard Haehl (1873-1932) (7) Hahnemanns Nachlaß in
Stuttgart; er ließ in seinem 58 seitigen Vorwort zum 'Organon'
den seither unendlich oft zitierten Satz "Macht's nach, aber macht's
genau nach!" (vgl. RAML III 5) erscheinen.- 1922 kam seine
zweibändige Hahnemann-Biographie (unter Mitwirkung von Karl
Schmidt-Buhl) in Leipzig heraus, 1924 Schwabes homöopathisches
Arzneibuch, 1939 die 837 Seiten von Rudolf
Tischners "Geschichte der
Homöopathie" (8), darin S. 346-363 die damals bekannten 160
Veröffentlichungen Hahnemanns. 1943 nahm der Schweizer Arzt Rudolf Flury-Lemberg
(1903-1977) die veränderten Potenzierungsanweisungen des
§270 Org.VI ernst und stellte mit Hilfe der
Krankenschwester seiner gerade geborenen Tochter Q-Potenzen her (9).
Von der Schweiz aus wurden sie z.B. durch Dr. Adolf Voegeli
weltweit vorgestellt (10). Ebenfalls nach dem Krieg entzifferten
Dr. Heinz Henne (1923-1988) und Frau Helene
Varady die ersten Bände von
Hahnemanns 54 (37 deutschen und 17 französischen)
handschriftlichen Krankenjournalen (11). 1965 wurde der handgeschriebene Brief
Hahnemanns an Josef Baptist Graf v. Paar ( 1780-1839
(Goethes Logenfreund, Adjutant von Karl Philipp Fürst zu
Schwarzemberg, datiert auf 5.Juli 1821, Inhalt: der "Sieger der
Leipziger Völkerschlacht" hatte 1820 persönlich Dr. Hahnemann
in Leipzig konsultiert) von Prof. Alberto Lodispoto veröffentlicht (12). Nach der deutschen
Vereinigung fand sich in der durchnäßten Leipziger
Universitätsbibliothek das (bisher nur auszugsweise bekannte)
vollständige Manuskript "Homöopathische Heilkunde der
Hausthiere" für einen Vortrag Hahnemanns (13). Das Stuttgarter IGM
beherbergt etwa 5.500 Patientenbriefe an und von Hahnemann. Eine
Sequenz von neun Briefen Hahnemanns an seine Patientin Frau Wiesike
(vom 3.7. 1833 bis 29.3.1835) wurde 1991 vorgestellt (14). Schon 1989
war das Original von Hahnemanns "Kant-Brief" vom 30.1.1811 publiziert
worden (15). Den freundschaftlichen Hahnemann findet man in
seinem (von Martin Stahl 1997 historisch-kritisch edierten) Briefwechsel
mit Clemens Franz Maria v. Bönninghausen (1785-1864): zwischen
1830 und März 1843 insgesamt 41 Briefe Hahnemanns und vier Briefe
Bönninghausens; nach ihrem persönlichen Zusammentreffen
anläßlich Hahnemanns Doktorjubiläum am 10.8.1833
siegelte Hahnemann sein einzigartiges Zeugnis für seinen
gleichgeachteten Kollegen und Freund: "... und könnte mir nicht
helfen, ich mich keinem Arzte, außer ihm, anvertrauen
würde." (16) Wir haben seit 1978 das amtliche HAB 1 (Teil des DAB
8). Gültig ist heute das vom BMG am 12.5.2000 veröffentlichte
HAB 2000 für D-, C- und
Q-Potenzen. Die alte
Vorbehaltsklausel, Homöopathie sei wissenschaftlich nicht
anerkannt, erklärte der BGH am 23.6.1993 für unwirksam.
Die Homöopathie ist als eine besondere Therapierichtung im
Sozialgesetzbuch SGB V ausdrücklich den anderen Methoden
gleichgestellt worden. Beispiel der noch aktuell lieferbaren Nosoden !
Nachweis und Lehre Homöopathisch potenzierte Arzneien sind heute als D-Potenzen naturwissenschaftlich nachweisbar (21). Schon 1973 (22) hatte J.Boiron den Nachweis der Hochpotenzwirkung von Kupfersulfat an Pflanzen (Wasserfarn/Salvinia natans) in Lyon vorgestellt. Eine preiswürdige Methode, Hochpotenzen wie Thuja und Medorrhinum im Labor nachzuweisen, präsentierte Fr. Maria Gerber 1999 (23). Die Frage "Ist Homöopathie nachweisbar?" kann von Gutwilligen also nur bejaht werden. Arbeitskreise für Homöopathie (und Naturheilkunde) an den medizinischen Fakultäten entstanden aus Studenteninteresse (z.B. in Tübingen) und wurden von homöopathischen Ärzten gefördert (z.B. von Dr. Walter Hess /1913-2002). Besonders populär wurde Frau Dr. Veronica Carstens (24). Prof. Dr. Hugbald Volker Müller (1921-2000), Köln, bereicherte ganz unkonventionell die Similefindung durch Fragen nach selbsterzählter Lebensgeschichte, Lieblingsfarbe und Beobachten der Handschrift (sog. Psychoanamnese), beginnend 1986 mit Sepia, zu dem Preußischblau gehört . Mit Schreiben vom 12.6.1986
informierte das damalige Bundesministerium für Jugend, Familie und
Gesundheit, daß in den Prüfungskatalog des 2.
ärztlichen Abschnitts "Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen
von Naturheilverfahren einschl. Homöopathie" aufgenommen
werden. Die Anthroposophen unterrichten in Witten/Herdecke schon seit Jahren Homöopathie auf Universitätsniveau. Zwar mußte er 50 Jahre warten und fast 90 Jahre alt werden, aber dann erhielt angesichts des Verdrängungswettbewerbs Dr. Rudolf Fritz Weiß ( 1895-1991) einen Lehrauftrag für Phytotherapie an der Universität Tübingen (ab WS 1984/85) (s. Anm.24). Die tuberkulinischen Gespenster, ewig "Nein!" sagend , erscheinen zuweilen riesig: der Streit um eine Stiftungsprofessur in Mainz geht auf keine Kuhhaut - aber inzwischen haben 22 deutsche medizinische Fakultäten regelrechte naturheilkundliche Seminare; den ersten Lehrauftrag für Allgemeine Medizin und Homöopathie hat seit April 1982 Dr. K.-H. Illing inne (25). In Berlin hat Prof. Malte Bühring diese Aufgabe ausgefüllt; am Ulmer Klinikum leitet Prof. Th. Peters das Institut für Naturheilkunde, bes. für Pflanzenforschung; vergleichbare Projekte gibt es in München bei Dr. D. Melchart , im Münchener Institut für Ostasienkunde ist außerdem Prof. Manfred Porkert zuständig für theoretische Grundlagen der chinesischen Medizin (26). Ausgehend von der modellhaften "Gießener Schmerz-Ambulanz", unterrichtete Prof. Horst F. Herget (1929-2001) Phytotherapie und TCM (27). Das vierteilige Berner Modell eines Lehrstuhls für Komplementärmedizin (Homöopathie, TCM, Neuraltherapie und anthroposophische Medizin) zeigt praktische Arbeit im Rahmen von Konsilien und Studien an Polikliniken (28). Die Gastvorlesungen an der Universität Rostock konnten nach fast sieben Jahren Vorbereitung zu einer Stiftungsprofessur für Naturheilkunde ausgebaut werden, gefördert u.a.vom Verleger Dr. Ewald Fischer (29). Die Bestrebungen, Homöopathie an deutschsprachigen Universitäten einzubürgern, sind inzwischen dissertationswürdig (30). Die
Geschichte der deutschen homöopathischen Krankenhäuser bis
1918 hat Heinz Eppenich beschrieben (31). Der 4. Zivilsenat des BGH verkündete am 10.7.1996 ein für die Kostenerstattung von Naturheilverfahren günstiges Urteil (33). Am 9.Dezember1996 erhielt George Vithoulkas, weder Arzt noch Heilpraktiker, von der privaten Stockholmer Stiftung "Right livelihood" den sog. Alternativen Nobelpreis für seinen Beitrag zur Belebung der klassischen Homöopathie. (33a..) Trotz wachsender Krankenhauskosten eröffnete eine neue Klinik für Naturheilverfahren mit 15 Betten in Hattingen (34). Unter der Schirmherrschaft von Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer fand Mitte September 1998 in Frankfurt/M. der 1.internationale Homöopathie-Kongreß für chronische Krankheiten statt (35). Und Hahnemanns zweite Ehe wurde als Taschenbucherzählung zum Bestseller (mit in Stuttgart nachgeprüften Originalzitaten) (36). Wir stehen heute also auf den Schultern von Riesen (37). Homöopathie ist uns (mit Ausnahme der Tiefpotenzen von Acon, Aristol., Bell., Nux vom. usw.) rezeptfrei zugänglich, als Einzel- und Komplexmittel, als Dilutio, Globuli, Ampullen, Tabletten, Trituratio, Salben, als D-,C- und Q(LM-) Potenzen. Homöopathie zu verbreiten wird heute nicht mehr grundsätzlich bekämpft (die sog. Marburger Erklärung vom Dezember 1992 verstößt gegen hessisches Dienstrecht). Wir waren von
Veränderungen ausgegangen. Verändert hat sich im Verlauf
dieses Jahrhunderts die Gestalt der Erkrankungen: weg von
entzündlich verlaufenden Mangelerkrankungen
hin zu chronisch-degenerativen Erkrankungen (oft des Überflusses)
einschließlich Krebs (38). Und die weltweit nach 1945
beobachtbare Akzeleration in der Entwicklung
unserer Kinder und Jugendlichen muß noch dazu bedacht
werden. Konkret ist für
Homöopathen faßbar: -Nach Hormongaben oder Cortison in Dauergebrauch spricht Pulsatilla nicht an , die Nosode Psorinum versagt heute bei Kents zweiwertigem (Kent II 148/ComplRep 2771) Symptom "muß kratzen, bis es blutet" (43). -Während
Leesers Lehrbuch der Homöopathie, Teil B I S.739-748, von 1973
Aristolochia clem. noch ohne Nachteile als umfassendes Heilmittel
beschrieb, mußte Dr. R.F. Weiß in der 6.Auflage seines
Lehrbuches der Phytotherapie von 1985 S.287-288 schon "Cave!"
gleich hinter den Pflanzennamen drucken lassen und auf die Debatte um
angeblich krebserregende Aristolochiasäure verweisen. (Deutsche
Apotheker-Zeitung 122/1981/1330-1333). Die Osterluzei ist seither als
Humanarznei in Deutschland erst ab der D 11 zugänglich. Mit Blick
auf immer feinere Untersuchungsverfahren beschreibt Dr. Weiß die
Diskrepanz so: "Während einerseits viele Lebensmittel
theoretisch als schädlich zu bezeichnen sind, hat doch die
Lebenserwartung der Menschen in der letzten Zeit immer mehr
zugenommen." (ebda S.288) Bedarf die
klassische Homöopathie diätetischer Hilfsmaßnahmen ? Heilungshindernisse meiden "...sie zu gewöhnen, mehr durch gute Lebensordnung als durch Arzneyen die Krankheiten zu entfernen,..." (GKS 428) Heilungshindernisse (ORG VI § 260) müssen in den 90er Jahren zum Schwerpunkt der Berichterstattung werden, z.B. in Ztschr. "Biologische Medizin" H. 3/Juni 1991 oder "Erfahrungsheilkunde. Acta medica empirica" Bd.48/1999 H.3. In seinem Vorwort dazu verweist Dr. Gebhardt auf die Ergebnisse der Medizinischen Woche Baden-Baden und das Journal der American Medical Association (JAMA) (52), wonach etwa 100.000 Amerikaner wegen gravierender Arzneinebenwirkungen jährlich sterben. Diese fatalen Folgen unerwünschter Mittelwirkungen sind damit die viert- bis sechsthäufigste Todesursache in den USA. Hierzulande werden freiwillig 8-16.000 Arzneitote gemeldet, Prof. Frölich , Hannover, vermutet (2003) bis zu 57.000 Tote (53). Die Zahl der Homöopathie-Hersteller nimmt in den 90er Jahren ab; in seinem Leipziger Vortrag "Naturheilkunde auf dem Scheiterhaufen moderner Hexenverfolgung" gibt Volker H. Schendel folgende zusätzliche Zahl bekannt: "Durch das Verlängerungsverfahren waren damit schon Ende 1994 72.818 Arzneimittel der Besonderen Therapierichtungen vom Markt verschwunden." (54) Die unheimlich eifernden Kämpfe
zwischen Tief- und Hochpotenzlern sind (und bleiben hoffentlich)
vorüber. Vorbei ist auch ein geheimnisumwabertes
Abkürzen zur Mittelfindung, besonders bei Gebrauch von
Hochpotenzen (55); überhaupt haben spezielle Potenzempfehlungen in
Büchern keinen Bezug zur individuellen Reaktionskraft während
ihres Krankseins (so schon in ORG VI § 278). Wir stehen auf den Schultern von Riesen. Und gegen Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens. Elektrotesterei und Scientology konnten nur eindringen, weil wir es zulassen. Wenn eine Patientin der Mode des Austestens nachläuft, sich z.b. in Lahr/Bad. zweieinhalb Stunden lang Fingerendpunkte drücken läßt und allein (damals) dafür 600,-DM berappt (was in keiner GebüH vorgesehen ist und eher für Unkenntnis der Materia medica spricht), obwohl seit Dezember 1993 in Salzburg bzw. seit Anfang 1994 in der Literatur (57) bekannt ist, daß jene Geräte und ihre glänzenden Handgriffe gar keine Schwingungen aufnehmen (wegen der körpereigenen Handwärme), dann ist das eitel Haschen nach Wind, ein teures Lehrgeld! Auf den
Schultern von Riesen erscheinen manche Zwerge unwiderstehlich
groß. Zu den Heilhindernissen unserer modernen Hektik
dürfte die "Nemesis der Medizin" (Ivan Illich) beitragen, in deren
überreguliertem Versicherungswesen Ärzte das
Gespräch mit ihren Patienten wieder lernen müssen (58),
denn Remissionen sind "hart erkämpfte Wunder" (59). Barock
üppige Blutentziehung durch (häufige Aderlässe und) Blutegel
kritisierte Dr. Hahnemann (in Org.VI§74,148, CKI 174), weil die
dynamisch gestimmte Lebenskraft dadurch unersetzbar gehemmt werde. Aber
hygienisch einwandfrei und individuell angepaßt, zeigten Heinz Bottenberg
(1932), Karl-Otto Kuppe (1955) und Ingo
Wilhelm Müller (2000) (für
die ärztliche Praxis) und ungezählte HeilpraktikerInnen
(namentlich sei Fr. Karla Moser, Schorndorf, hervorgehoben), daß Hirudo
medicinal. mit seinen Inhaltsstoffen Hirudin, Calin, Hyaluronidase,
Eglin, Prostaglandin, Kollagenase usw. heilsam auf
Gefäßerkrankungen und schmerzende Gelenke einwirkt; lokale
wie systemische Effekte sind beschrieben, verglichen am Lequesne-Index
und einer visuellen Analog-Skala. Den letzten
Organon-Paragraphen §291 widmete Dr. Hahnemann der Hydrotherapie als
theils palliativem, theils als homöopathisch dienlichem
Beihülfsmittel für akut wie chronisch Kranke; Hahnemann hob
dabei auf Erwärmung und Tonuserhöhung ab (s. Konrad Dr Hahnemann
verurteilte also kompromißlos "Schwächungs-Curen durch
Säfte- Vergeudung" (RAML III
112-113) und lobte die sehr kleinen Gaben wie bei jeder
vernünftigen Heilung; er bezog (in Org.VI§208) Arbeit und Lebensverhältnisse (bzw. Krankenstall bei den Tieren laut GKS 895) als
mögliche Verschlimmerungsfaktoren in die Anamnese mit ein. Dr.
Hahnemann gewann dem Bubenturnen zwei Aspekte ab (und zitierte den
Römer Juvenal): Gewandtheit und Stärke, die "die
Thätigkeit des Geistes in Erlernung der Wissenschaften
unterstützen, nach dem Beispiele der besten Zeitalter der alten
Griechen und Römer, ut sit mens sana in corpore sano" (Zweites
Zeugnis Über das Turnen 1832) (63) . Gretchenfrage "Miasmen" Dr. Hahnemanns Lehre von den Miasmen
und insbesondere die Psoralehre bilden die "Gretchenfrage" der
Homöopathie. Jeder Homöopath, gleich, ob er der klassischen
oder der naturwissenschaftlich-kritischen Richtung angehört,
muß sich einmal die Frage vorlegen: Wie hältst du es mit der
Psoralehre? In der
apodiktischen Unnahbarkeit des ersten ORGANON-Paragraphen, kranke
Menschen gesund zu machen, d.h. zu handeln, war kein Raum für
Medizintheorie. Dr. Hahnemann vermied für
seinen janusköpfigen Begriff Miasma die ontologische Ebene, etwa
im Sinne "der Mensch - ein hilfsbedürftiges Mängelwesen"
(Arnold Gehlen). Es fehlt ebenso das (moderne gentechnische) andere
Extrem: die Arbeitsgruppe um Prof. Schöler berichtet im Mai 2003
von ihrem Erfolg, daß embryonale Stammzellen weibliche Ei- bzw.
männliche Samenzellen werden können. Also wo beginnt "der
Mensch" ? Beispiel: keine Antwort darauf gibt Prof. Dietrich
Grönemeyer, Mensch bleiben. High-Tech und Herz - eine liebevolle
Medizin ist keine Utopie, Freiburg/Br. 2003 auf 190 Seiten. Prof.
Grönemeyer plädiert für volksnahe Gesundheitswirtschaft,
in der ultraschnelle Rechner endoskopisch reale Untersuchungsbilder
(Mikrotechnik) ergeben, und zwar für alle bezahlbar. Thesenhaft in Org.VI§72,204 und ausführlich in CKI verwendete Hahnemann "Miasma" als Oberbegriff für nichtvenerische natürliche akute und chronische Krankheitsfälle: also für Kranksein, das die angeborene Lebenskraft nicht selbstätig überwindet (Org.VI§78): "Nur chronische Krankheiten sind der Prüfstein ächter Heilkunst, weil sie nicht von selbst in Gesundheit übergehen;..." (RAML I 272) Er
zählte außerdem in §79 Syphilis und Sycosis auf, in
§80 die von Hautausschlag ausgehende Psora, von der alten
Pathologie mit vielfältigen mißbräuchlichen
Krankheitsnamen belegt (§81 Anm.). Während
der Weltseuche der asiatischen Cholera
1831, als feststehende Krankheit
gedeutet, wich Hahnemann, der selber keine Cholera-Patienten behandelt
hat, von dieser Vorstellung ab und empfahl mehrfach (75) für das
erste Stadium Kampferspiritus in Mengen und reines Wasser (neben
homöopathisch ausgewählten Potenzen von Rhus-t., Verat.,
Cupr-m., Ars. usw.). Dr. Hahnemann argumentierte mit " Choleramiasm"
(76): bei dieser Epidemie wirke wahrscheinlich ein lebendes Miasma
(77). Dr. Hahnemann vermutete bei den vitalen Überlebenden erworbene
Immunität. Heute im
Schatten der globalen dritten industriellen Revolution und des
weltweiten Tourismus, im postkolonialen Atomzeitalter mit
Massenvernichtung und asymmetrischen Kriegen vor allem auf Kosten der
Zivilbevölkerung, im Angesicht der WHO mit Impfkampagnen, aber
ungebändigtem Hunger und Armut usw. sollte die (mexikanische bzw.
südamerikanische) Deutung der Miasmen (seit 1942) als Hypo- Hyper-
und Autolysetendenz (79) bzw. Defekt/Exzeß/Perversion (80)
aufgegeben werden. HIV-Erkrankungen
als erworbene (!) Immundefekte kommen heute dazu. "Nach dem Gesetz der
Ähnlichkeit muß das Mittel nun auch ausgewählt werden;
nur ist die Auswahl der zur Verfügung stehenden Mittel
(glücklicherweise!) massiv eingeschränkt. Mit der
miasmatischen Homöopathie wird neben der Symptomenähnlichkeit
die Ähnlichkeitsebene der Ätiologie in die Therapie
eingeführt. Es reicht nicht aus, daß die wichtigsten
Symptome abgedeckt werden (§153 bezieht sich auf akute
Krankheiten!Siehe §152), es muß in der Pathogenese des
Arzneimittels auch der pathologisch-klinische Prozeß in
Ähnlichkeit erscheinen, wenn das Mittel passend sein soll. Bei den
chronischen Krankheiten übernimmt somit das Miasma die Rolle der
Causa und wird zum Leitsymptom, welches in der Wertigkeit über
psychischer und lokaler Symptomatik steht. Eine Lebensgeschichte, als psorisches Geschehen gedeutet, lieferte Dr.J.K.v.
Fimelsberg (90). Er zeigte darin
konkret einschl. numerierter Symptome, daß Dr. Hahnemanns
Beobachtungen betreffend Stadien der Psora-Entwicklung mit bestimmter
Symptomatologie an chronischen Krankheitsfällen auch heute noch
bestätigt werden können. Bringt uns
der Ansatz der Salutogenese weiter ? Zwar wurden
die im Programm "Gesundheit 2000" vorgesehenen Ziele nicht erreicht und
das spezielle deutsche Krankenversicherungssystem der RVO ist - egal,
welches Parteibuch regiert - inzwischen unbezahlbar, grenzt Leistungen
aus, nimmt im internationalen Vergleich nur einen mittleren Rang ein (94) usw., ABER: Hahnemann,
der Pfeifenraucher, hatte das Tabakrauchen (im Gegensatz zum Tabakschnupfen) nicht auf seiner
Verbotsliste (in CKI138). Er beschrieb Effekte der Tabakspflanze aus
Virginia (in GKS 232), auch im Zusammenhang mit Kaffee (GKS 351),
ebenfalls 1806: mäßig gebraucht, werden erstrebte wie
nachteilige Folgen beschrieben (GKS 461). Wenn
gesellschaftlicher Konsens im Sinne "Vorbeugen
ist leichter als Auskurieren"
vorherrschend wäre, um die legalen Drogen Nikotin und Alkohol samt
den illegalen Drogen zurückzudrängen (statt sie zu
kriminalisieren, im übrigen aber ins Land zu lassen und zu
besteuern), dann wäre die angeborene Reaktionsfähigkeit des
/der Einzelnen erkennbar und therapeutisch leichter einsetzbar: soweit
nicht angeboren geschädigt, kann ich mein Herz/meinen Kreislauf
vorbeugend nach der Formel 2002 trainieren: Krankheitserreger
(ob mono-, ob pleomorphistisch gedeutet) sind heute unbestreitbar
anwesend; "Miasma" kann heute also nicht mehr Erreger meinen, sondern
allenfalls Erkrankungsbereitschaft heißen: also (materiell/yin-Aspekt)
beschädigte Immunität bis hin zu geschwächtem bis
fehlendem Lebenswillen (yang-Aspekt). Stationen der Nachkriegsära In den Jahren
von 1930 bis 1939 trug der Augenarzt Rudolf Tischner (3.4.1879-24.4
.1961) seine vierbändige "Geschichte der Homöopathie"
zusammen. Leider fiel dieses Werk den Bomben des zweiten Weltkriegs
ebenso zum Opfer wie seine Münchner Wohnung mit der umfangreichen
Bibliothek. Zwar konnten 1939 der Band "Quellenschriften der
Homöopathie" und noch 1943 "Hahnemanns homöopathische
Schriften" veröffentlicht werden, aber die einbändige
Zusammenfassung "Das Werden der Homöopathie" (1950) war nur ein
bescheidener Ersatz (s. in Anm.136). Endlich erschien 1959 sein Buch
"Samuel Hahnemanns Leben und Lehre". Tischner bemühte sich in
vielen Aufsätzen um eine naturwissenschaftliche Rechtfertigung der
Homöopathie, darin ein Schüler Waplers (Ausgleich zwischen
Homöopathie und Allopathie). Prof. Friedbert Ficker widmete
Tischner einen ausführlichen Nachruf (in: Ztschr. Natürliche
Heilweisen, Heidelberg, Juni 1971 S.117-118). Seit 1980 besteht das Institut für Geschichte der Medizin, unterhalten von der Robert-Bosch-Stiftung. Das IGM widmet sich besonders der Homöopathie-Geschichte; Dr. Hahnemanns lite-rarischer Nachlaß bildet das Kernstück dieses Homöopathie-Archivs. Unübertroffenes Glanzlicht und Meilenstein sind die homöopathischen Arzneimittelprüfungen von Dr.Julius Mezger mit den Stuttgarter Vereinsmitgliedern(u.a.Botnang, Möhringen, Ludwigsburg); Mezger prüfte zwischen 1932 und 1959 etwa 15 Mittel, darunter Hedera helix, Aristolochia, Mandragora und das berühmte Cimicifuga racemosa/Wanzenkraut (137). Dr. Hahnemann veränderte die Welt mit der Ähnlichkeitsregel (Meißner Tageblatt Sonderdruck April 2005) - und die Laien popularisieren weltweit Homöopathica und qualitätvolle Gesundheitsförderung für alle: Salutogenese . Bei den Meißner Feiern zum 250. Geburtstag Hahnemanns formulierten die Sprecher der Laien, an ihrer Spitze die Hahnemannia, daher: m e h r H o m ö o p a t h i e w a g e n ! Die Unverzichtbarkeit der Laien zur Bewahrung der Homöopathie gerade in Deutschland beschreibt mein Aufsatz "Die Wirklichkeit der Homöopathie 2005". Meine These: es gibt in Deutschland keine Bewegung für oder gegen Cortison, keine organisierte Bewegung für oder gegen Antibiotica- Mißbrauch, aber es gab und gibt eine über 100 Jahre erfahrene Laienbewegung für Homöopathie (bes. in Süddeutschland), die sogar die Bereiche Selbsthilfe und Vorbeugung berührt. In seinen gedruckten (deutschen) Texten zur Zeit der Begründung der Homöopathie hatte Dr. Hahnemann zwar strikt jede Popularisierung abgelehnt (Anm.24). Punkt, aus. Aber wie fein und erfahrungssatt schrieb er mit Stahlfeder aus Paris am 23. Juli 1842 auf französisch an Mme. Charvet nach Turin: "Madame ! Je Vous loue de tout mon coeur pour Vos travaux homöopathiques. La qualite´de femme n´exclue pas totalement dans cet art important, au contraire, les femmes instruites et exemptes des fatilite´s fe´minines ont une finesse de tact que les hommes n´ont gue`re et qui est indispensable pour gue´rir. Continuez, je Vous applaudis et Vous che´ris. Jamais, dans aucun cas on ne me`le pas deux me´dicaments ensemble, quels qu´ils soient; ceux, qui font ce me´lange, ne sont pas des homöopathes. Madame Hahnemann et moi sommes a` Vous de coeur Samuel Hahnemann." Madame, Monsieur, liebe Homöopathen, kennen Sie Ihren Samuel ? Nein, nicht die ärztliche Verdienstmedaille (s.u. in Anm. 143), sondern den Begründer der Homöopathie ! Er donnerte gegen Popularisierung (um Homöopathie zu finden und echt weiterzugeben ?) - und die Geschichte fügte es genau anders herum: ein Meißner Arzt veränderte die Welt der Heilkunde, und die L a i e n tragen Homöopathie (und Naturheilkunde), und ihr Motto heißt seit den Feiern zu Hahnemanns 250. Geburtstag in Meißen 2007: m e h r H o m ö o p a t h i e w a g e n ! Sie möchten´s genau wissen, auf deutsch ? Bitte sehr ! "Gnädige Frau ! Ich lobe Sie von ganzem Herzen für Ihre homöopathischen Arbeiten ((er schrieb original: "homöopathiques", also wie deutsch)). Die Eigenschaft als Frau schließt das Talent für diese wichtige Kunst nicht aus, im Gegenteil, die gebildeten und von weiblichen Oberflächlichkeiten freien Frauen besitzen eine Feinheit des Taktgefühls, die die Männer kaum haben und die zum Heilen unerläßlich ist. Fahren Sie so fort, meinen Beifall haben Sie und ich schätze Sie hoch.- Niemals, in keinem Falle, mischt man zwei Arzneimittel, welche sie auch seien, zusammen; die, die solche Mischung vornehmen, sind keine Homöopathen. Madame Hahnemann und ich sind von ganzem Herzen die Ihrigen Samuel Hahnemann. " Das ist h e u t e der Unterschied zu jenen Stuttgarter Feiern 1955: deren Tenor und Schlußwort war immer "Seine Zeit ist noch im Kommen !" Ja, angesichts der menschengemachten Not und Heilungshindernisse: w a n n denn, wenn nicht jetzt und heute und für alle ? Wir haben dazugelernt. Also heißt es seit 2005: m e h r H o m ö o p a t h i e w a g e n ! Viel mehr Frauen als Männer fragen Heilkunde nach. Mit Blick auf geschlechtsspezifische Unterschiede entdeckt die Gender-Medizin (z.B. Zentrum für Geschlechterforschung in der Medizin der Charite´ Berlin ), daß Allergiemittel, Antibiotica, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Blutdrucksenker und Herzmedikamente von Frauen anders verstoffwechselt werden, und - da häufig viel öfter an Männern als Frauen erprobt - Frauen angepaßte Dosierungen verlangen müssen. Seit 2004 schreibt das AMG geschlechtsspezifische Arzneiuntersuchungen vor; im Schnitt vergehen zehn Jahre, bis ein neues Medikament auf dem Markt erscheinen und in seiner Packungsbeilage weibliche Interessen berücksichtigen wird . Die Hebamme Birgit Laue beschrieb (2005) Heilpflanzen speziell für Frauen (ISBN 3-499-61616-5). Dr. Julius Mezger beschrieb in seiner GHA für Puls. das Defizit, ausführliche weibliche Sexualsymptome stammten nur von e i n e r Prüferin; Dr. Mezgers GHA wird unverändert nachgedruckt, die gewünschte Arzneiprüfung steht immer noch aus. Dr. Hahnemann verlangte eindeutig in ORGANON VI §127: "Die Arzneien müssen sowohl an Manns- als an Weibspersonen geprüft werden, um auch die, auf das Geschlecht bezüglichen Befindens-Veränderungen, an den Tag zu bringen." In CK I 172 zählte er (im Kontext der Chronifizierung durch psorisches Miasma) extra auf: - unregelmäßige Periode bzw. Aussetzen der Arznei-Einnahme während der Menses, Gravidität und Abortus, unrichtige Lage des Foetus, Mastitis.- Die sexualfeindlichen Begriffe in homöopathischen Arzneiprüfungen müssen ein eigenes Thema sein.- Arzneimittelsicherheit und Zulassungskosten dürfen die Verfügbarkeit von Homöopathica nicht einschränken; das fordert das "Gemeinsame Positionspapier zu Verfügbarkeit, Qualität und Sicherheit homöopathischer Arzneimittel" von DZVhÄ, BKHD und VKHD (25.Febr.2006). Auswege stehen also "scheunentor weit offen" (s. Hoimar v.Dithfurt, Es ist soweit, München 1988 S.10), und Fakten ermutigen zu Heilmitteln: m e h r H o m ö o p a t h i e w a g e n ! Im dritten Jahrhundert ihrer Existenz wächst Homöopathie als starker eigener Ast am Weltenbaum der Arzneiheilkunde.- Schweigen über die NS-Zeit ? Die Schatten zwischen diesen Glanzlichtern sind lang. Zu den Mängeln der Geschichtsschreibung der Naturheilkundebewegung, auch der Homöopathie, zählt das Schweigen der älteren Generation über die NS-Ära (103). Niemand darf sich daher über Gerüchte wundern, z.B. anläßlich der großen Tübinger Ausstellung 1982 "Volk und Gesundheit. Heilen und Vernichten im Nationalsozialismus", die sich an die unbedarfte Nachkriegsgeneration wandte und behauptete, nicht nur einige Ärztefunktionäre, sondern auch die Homöopathen hätten noch "Leichen im Keller" (104). Bei Lichte besehen, nämlich während einer speziellen Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll vom 30.4. bis 2.5.1982 (105), in mindestens drei Dissertationen über die sog. NDH (neue deutsche Heilkunde der NS-Oberen), z.B. von Alfred Haug, und in einer Tübinger Vorlesungsreihe im Studium generale des WS 1988/89 zum Thema "Medizin im Nationalsozialismus", organisiert von der Fachschaft Medizin, wurde kein einziger Homöopath namhaft gemacht (und unsere Verbandszeitschriften schwiegen ausführlich). Vielmehr waren es ausgewählte SS-Ärzte wie Ernst Grawitz, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Werner Heyde oder Johann Kremer usw., die Menschenversuche verantworten müssen (106). Aufgeklärten Ärzten und Heilpraktikern der Nachkriegszeit war dies noch geläufig, und Pflichtlektüre der 50er und 60er Jahre war daher die Auftragsdokumentation "Medizin ohne Menschlichkeit" von Fred Mielke und Alexander Mitscherlich mit dem Satz auf Seite 13: "Von ungefähr 90 000 damals in Deutschland tätigen Ärzten haben etwa 350 Medizinverbrechen begangen." (107) In diesem bis heute nachgedruckten Band kann jede/-r z.B. gewalttätige Experimente mit Schüßler'scher Biochemie nachlesen, etwa im KZ Dachau auf Himmlers Befehl an mit Phlegmone künstlich infizierten Häftlingen. Schon allein diese inhumane Versuchsanordnung und die halbstündliche Zwangsverabreichung widersprechen einer homöopathischen Arzneiprüfung in Freiwilligkeit, sodaß alle KZ-Ergebnisse nicht gegen Homöopathie angeführt werden können - übrigens ebenso wenig die "Vernichtung durch Arbeit" auf den fast 240 ha Pflanzenkulturen in Dachaus Umgebung gegen Phytotherapie usw. Diese auf ihr Scheitern angelegten Experimente mit Kalium phos. D6 usw. (und ähnliche mit Spenglersan- Einreibetropfen) erregten sogar Heinrich Himmlers Ablehnung; er schrieb Dr Grawitz z.B. am 30.9.1942, daß er eitel sei und sich nur für die Verdammung der Prüfsubstanzen einsetze.- Kritik ist insofern berechtigt, als viele Sprecher naturheilkundlicher Vereine schon in der Weimarer Republik weit rechts bis deutschnational eingestellt waren und vor oder nach 1933 der NS-Propaganda mit Ergebenheitsadressen zujubelten, z.B. anläßlich der grotesken Inszenierung "Tag von Potsdam" (21.3.1933); so schrieb etwa die Bundesleitung der Zeitschrift "Naturarzt" (und druckte es in ihrer Festschrift zum 45jährigen Bestehen des Deutschen Bundes der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise/Naturheilkunde e.V. erneut): "Darauf stützen wir unser Vertrauen, daß die Arbeit des Deutschen Bundes und seiner Vereine grundsätzlich anerkannt und gefördert wird. Gilt sie doch ihrem ganzen Wesen nach der körperlichen und sittlichen Erstarkung unseres Volkes und hilft durch ihren Appell an das gesundheitliche Gewissen, an die Verantwortlichkeit jedes einzelnen, für sein und seiner Familie gesundheitliches Schicksal, die Grundlagen zu schaffen für den Aufbau der Volkskraft und einer gesunden Volkswirtschaft. Getreu unserer jahrzehntelangen Arbeit für ein einfaches, reines, die entnervenden Auswüchse moderner Scheinkultur überwindendes, im Boden der Heimat wurzelndes, naturverbundenes Leben, sind wir mit allen unseren Kräften zur rückhaltlosen Mitarbeit an den Aufgaben der nationalen Regierung bereit." (108) Viele, politisch blind und teilnahmslos (109), handelten nach dem autoritären "Führerprinzip": die Ärzte, von der Weimarer Republik mit Rezeptierprivileg der RVO ausgestattet, bekamen als "Reichs-Ärzteführer" den Münchener Dr. Gerhard Wagner (1888-1939), Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit der NSDAP, vorgesetzt, nach dessen Tod den Südtiroler Prof. Leonardo Conti (1900-1945) in schwarzer SS-Uniform, zuletzt im Range eines SS-Obergruppenführers und als Staatssekretär sein eigener Kontrolleur; und die sieben Heilpraktikerbünde erhielten ungefragt den "Kommisar" Erich Heinisch (mit der Zwangsmitgliedschaft im Heilpraktikerbund Deutschland, Reichsverband e.V. Sitz München, Giselastr. 4) vorgesetzt, der aber am 26.3.1934 gehen mußte(warum ?); Nachfolger wurde der Magnetopath Ernst Kees, seit 1931 Pg., Vorstandsmitglied in Julius Streichers "Verein Deutsche Volksheilkunde"; er amtierte nicht unumstritten und votierte 1939 eifrig für das noch heute eingeschränkt gültige Heilpraktikergesetz (es sollte "Wiege und Grab zugleich" des Berufsstandes sein), die homöopathischen Laien hatten bis 1940 Immanuel Wolf (23.8.1870-19.3.1964), Vorsitzenden der "Hahnemannia", seit 1930 Leiter des "Reichsbundes für Homöopathie und Lebenspflege" , über 50 Jahre lang Schriftleiter der "Homöopathischen Monatsblätter" im Stuttgarter Paracelsus-Verlag (s. Homöop.Monatsblätter 85.Jg./August 1960,113-131 und ebda 89. Jg/ Mai 1964,66-67). Dabei wehrten sich die meisten nicht, von den NS-Zielen, die zum Krieg hinwirkten, vereinnahmt zu werden, obwohl sie doch immer wieder selbst bedroht waren, Freunde oder Bekannte willkürlich verhaftet wurden, Berufsverbot erhielten, Behinderte und Patienten einer "Euthanasie" geopfert wurden - was nicht verborgen werden konnte: man denke an die verhängten Transportwagen nach Hadamar/Hessen oder Grafeneck b. Münsingen/schwäb. Alb oder Hartheim bei Linz oder Brandenburg a.d.Havel oder Sonnenstein bei Pirna, man erinnere sich der "Dienststelle T 4" oder der "Aktion 14 f 13". Oder: die drei Brüder Madaus, Besitzer der bekannten Heilpflanzenfirma Madaus, damals in Radebeul bei Dresden, wurden 1933 kurzfristig verhaftet; "Grund hierfür und die gleichzeitge Durchsuchung der Firma waren die engen Geschäftsbeziehungen zum 'Biochemischen Bund Deutschlands', in dem Juden eine maßgebliche Rolle spielten. Das Verfahren wegen 'Judenversippung' wurde aber eingestellt." (110) Eben diese Firma mußte 1941 für Massensterilisierungsversuche Caladium seg./Schweigrohr und dann 1943 Echinacin extern zur Wundheilung nach Verbrennungsexperimenten im KZ Buchenwald liefern (111). Auch sonst an der Basis beschädigten die Einschnitte der NS-Politik, z.B. Zwangsmitgliedschaft im Reichs-Gesundheitsbund, Bespitzelung und Zensur, das Vereinsleben (112). Jede/-r sehe in seiner Orts- und Vereinschronik nach, z.B. in der Metzinger Chronik (1992) heißt es dazu: "Die Zwangsmitgliedschaft ordnete alle Vereinsaktivitäten der offiziellen Billigmedizin im Rahmen der Kriegsvorbereitungen und dem sog. Führerprinzip unter; der Vorstand unter Herrn Enssle konnte nur weiter amtieren, weil alle auch NSDAP-Mitglieder waren. Manche Homöopathen glaubten, die offizielle Anerkennung der Homöopathie stehe unmittelbar bevor, bes. da der "Führer-Stellvertreter" Rudolf Hess, der sich naturheilkundlich behandeln ließ, in Dresden ein Sanatorium protegierte: im "Weißen Hirsch" therapierte Prof. Ludwig Grote naturheilkundlich, Prof. Alfred Brauchle im Stadtkrankenhaus Johannistadt, sie fertigten auch Vergleichsstudien." (113) Der Katalog der Dresdener Jubiläumsausstellung 1996 liefert in den Aufsätzen von Uwe Mai und Detlef Bothe weitere Fakten und Bilder. Man denke ferner an den von vielen Familien eifrig konsultierten Band Hering-Haehl, Homöopathischer Hausarzt , der für die 31. Auflage (Februar 1938) neu konzipiert werden mußte, damit ja nicht zu viel über Sexualhygiene bekannt werde, wo doch das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (18.02.1927) verschärft und deren Therapie zum Arztprivileg erklärt wurde. In dieser Ära vor den Antibiotica (die es in Deutschland kriegsbedingt erst nach 1945 massenhaft gab) war etwa für die luetische Diathese das Decoctum Zittmanni mit der Sarsaparilla segensreich (114). Für den Zentralverein homöopathischer Ärzte hat Dr. E.H. Schmeer die "travestierte Homöopathie" am Beispiel des Berliner Ärztevereins aufgearbeitet (115). Diesem Bedürfnis nach Aufklärung kamen die Weleda-Nachrichten mit Heft 181 (Ostern 1991) bis Heft 184 (Weihnachten 1991) entgegen und druckten Hans Krügers Aufzeichnungen (aus dem Weleda-Almanach 1/1991 S.15-33) nach. Andere folgten dieser befreienden Linie, so A. Haug mit seiner Arbeit über die Protokolle des Süddeutschen Verbandes für Homöopathie und Lebenspflege und B. Karrasch über 12 volksheilkundliche Laienverbände, bes. den Reichsbund (116). Über Heilpraktiker in jener elenden Zeit fand ich keine Beschreibung.- Damit der Abstand der damaligen Vereine zu uns heute recht augenfällig wird, führen wir einige Mitgliedszahlen an: -laut Zeitschrift "Hippokrates" (1943 S.219) hatte der Biochemische Bund (1936) etwa 180.000 Mitglieder (geschätzt), der Prießnitzbund = Deutscher Bund für naturgemäße Lebens- und Heilweise 120.000, der Hahnemannbund = Reichsbund für Homöopathie und Gesundheitspflege 48.000, der Kneippbund etwa 48.000, der Schüßlerbund 32.000; sicher gab es Doppelmitgliedschaften, und einige waren eingetragene Mitglieder, um nach außen "organisiert" und damit geschützt zu sein.- Verluste und Erneuerungen Drei Neuerungen in den dreißiger Jahren können die demokratischen Verluste nicht wettmachen: -die halbamtliche Anerkennung der Homöopathie, indem Dr. W. Schwabes Arzneibereitungslehre (Pharmakopoe) in 2. verbesserter Auflage 1934 zum amtlichen Apothekenbuch bestimmt wurde (und es in der BRD bis zum neuen AMG 1976 blieb) (117); -die vier großen Reichstagungen, und zwar: im Mai 1935 Reichstagung der deutschen Volksheilbewegung in Nürnberg, im August 1937 in Düsseldorf "Dies Volk muß gesund bleiben", im Juni 1939 Ähnliches in Stuttgart und im März 1941 in Weimar, die alle an die Erfolge etwa der Düsseldorfer "Gesolei" von 1926 anknüpfen wollten; nach dem ersten (Dresdener) Irisdiagnose-Kongreß 1932 wurde der einzig folgende in Nürnberg vom 28. bis 30.5.1936 erlaubt (laut Iris-Correspondenz 18. Jg./1936, 225 ff.); nach dem Scheitern der NDH war nur noch Universitätswissenschaft gefragt (118). -Dr.Gerhard Madaus (1890-1942) veröffentlichte 1938 sein "Lehrbuch der biologischen Heilmittel" in drei Bänden im Leipziger Thieme-Verlag, übrigens nach ausführlichen Befragungen und mit eigenen Nachweisproben ausgestattet, bis heute die umfangreichste Bestandsaufnahme der im deutschen Sprachraum gebräuchlichen Heilpflanzen und homöopathischen Tiefpotenzen, z.B. Diphtherie-Tierversuch mit Mercurius cyan.-Oplx. (Lehrbuch der biologischen Heilmittel Bd.I S.43). Mitgearbeitet hatte u.a. der Dresdener Heilpraktiker, Geburtshelfer und Kenner der Spagyrik Willy Rüdrich (1901-1986), seit Oktober 1952 in Metzingen, an der Indikationssammlung von Lilium tigrinum (S.1759) und Pulsatilla (S.2248). Er wurde zusammen mit seinem Bruder Dr. Karl Rüdrich (1899-1958) zurecht in den Jubiläumskatalog 1996 des DHM (Objekt Nr.10.38 bis 10.49) aufgenommen, denn an ihren Lebensläufen zeigt sich beispielhaft deutsche Medizingeschichte mit der politischen Teilung als ihrer Folge im 20. Jahrhundert. Die Metzinger Vereinschronik berichtet über diese Zeit: "Im Zuge der Kriegsvorbereitungen wurde nicht nur der Westwall gebaut (dafür Baustopp im Ländle wegen Zementmangels), sondern auch geplant, dieBevölkerung des Rheintales und des Schwarzwaldes nach Württemberg zu evakuieren (für jedes Haus Zwangseinweisungen); außerdem wurden die Heilpraktiker, sonst teilweise im Reich "Naturärzte" genannt, mit Gesetz vom 17.2.1939 auf die Erhaltung der Volksgesundheit verpflichtet. Auch sonst verlangte der Krieg von Anfang an spürbare Einschränkungen: die Mitgliederzahl betrug im August 1939 100 Seelen; Vortrag war erst wieder im März 1940 möglich; im September erhielten Vorstand und mehrere Ausschußmitglieder den Gestellungsbefehl, Herr Wilhelm Bauer mußte ab 8.Oktober 1940 die Vereinsgeschäfte allein führen; da auf Anweisung des Reichsgesundheitsbundes der Beitrag auf 50 Pfg. heraufgesetzt wurde, verlor der Verein wieder Mitglieder."- Stifter Robert Bosch und die Homöopathie Dauerhafter war das Gelingen des im Mai 1937 begonnenen Krankenhausbaus am Südhang des "Kalten Berges" auf Cannstatter Markung, das im April 1940 als homöopathisches Krankenhaus Stuttgart eröffnet wurde (119). Wie der Redakteur (und spätere Bundespräsident) Theodor Heuss in seiner Biographie über Robert Bosch (1861-1942) belegt, hielt der gesundheitsbewußte Konzernchef lebhaften Kontakt mit Immanuel Wolf (120). Robert Bosch hatte es auch dem gebürtigen Kirchheimer, in Philadelphia/USA ausgebildeten Dr.med. Richard Haehl (1873-1932) ermöglicht, den aus dem Bönninghausen'schen Rittergut in Darup geborgenen Nachlaß Hahnemanns zu sammeln und zu sichten (seit 1921); darauf gründet das in Stuttgart heute ansässige Bosch-Institut für Geschichte der Medizin (IGM), gegenwärtig geleitet von Prof. Dr. Robert Jütte . Zur Erweiterung der modernen Medizin im Interesse einer allen nützlichen Übersicht finanzierte Robert Bosch den noch heute in Stuttgart aktiven Hippokrates-Verlag, der z.B. das vorbildliche "Lehrbuch der Phytotherapie" von Dr. Rudolf Fritz Weiß ( 1895-1991) (s.u. in. Anm.24) seit 1944 in neun Auflagen gedruckt hat, aus dem die Schwarzweißabbildungen für die Serie "Beiträge zur Heilpflanzenkunde unter besonderer Berücksichtigung der Homöopathie" in unserer alten Verbandszeitschrift "Homöopathische Monatsblätter" (ja, die mit dem Hahnemann-Medaillon auf gelbem Umschlag, auf den oft vor dem Austragen noch ein roter Programmzettel aufgeklebt wurde, etwa: Kartoffeln jetzt beim Schriftführer abholen - Anmeldung zum Ausflug bei Fr. Fine´ /Renova am Marktplatz) stammen. Dieser Wunsch, die Homöopathie werde in die erweiterte Schulmedizin zurückkehren, bestimmte unkritisch auch noch die fünfziger Jahre, etwa als Direktor Hans Walz anläßlich der Einweihung des Schwesternwohnheims des neuen RBK am 12. Dezember 1957 in seiner Rede "Grundsätzliches zur Lage der Homöopathie" überzeugt war, daß die "homöopathische Heilweise als ein Komplex biologisch erfahrbarer Wirklichkeit sehr wohl wissenschaftlich begründet, bewiesen und gelehrt werden kann, wenn auch nur in stufenweise fortschreitender Höherentwicklung" (121). Dieser Abschnitt war von illegalen
Experimenten ausgegangen. Wohlgemerkt: Menschenversuche sind kein
besonderes Entartungsmerkmal von Diktaturen; leider kann die
Fachliteratur, etwa für die Weimarer Republik das Lübecker
Kindersterben nach BCG-Impfung (1930), auch z.B. für die USA bzw.
die Nachkriegszeit eine viel zu große Anzahl ehrgeiziger
Allopathieversuche benennen: Syphilis-Großversuch der
US-Gesundheitsbehörden, 1932 begonnen (sog. Tuskegee-Studie
über 200 Farbige), 1972 bekannt geworden usw. (122). Dabei ist der
Skandal noch gar nicht angesprochen, daß ehemalige SA- oder
SS-Mitglieder in der Adenauerzeit ungehindert öffentliche
Ämter, etwa H.J.Sewering als Präsident der
Bundesärztekammer, ausübten, und daß Mitbeteiligte an
der NS-Mordmaschinerie, wie etwa Dr. Borm, der 1940/41 über 6.600
Geisteskranke zu ermorden half, wegen "unvermeidbaren Verbotsirrtums"
1974 freigesprochen wurden (123). Nachkriegszeit Tendenzen der fünfziger
Jahre: 1. Weitermachen wie bisher, insbes. im Wiederbeginn nach Bombardement, Verfolgung, Mangel der Kriegs- und Nachkriegszeit, was die Zivilbevölkerung ja ungleich härter als die direkt kämpfende Truppe getroffen hatte. Die Besatzungsmächte erlaubten in ihren Zonen nur lokale Aktivität. Sauna war für Spießer, weil unbekannt, nur verwerflich ("mid soama wiaschda Nama!") (124) Unsere Vereinschronik hielt folgende Fakten fest: "Mangel und Besatzung - Gesuch um Wiederzulassung im Frühjahr 1946 - amtliche Genehmigung am 6.2.1947 - für jede Veranstaltung eine eigene Erlaubnis einholen - um die Währungsreform Mai 1948 war Geld rar, Monatsbeitrag 30 Pfg.- Verbandszeitschrift gab es nicht - 1949 und 1950 konnte nicht viel unternommen werden - erster Ausflug per Bahn in die Stuttgarter Wilhelma -..." 2. Erst nach Währungsreform (1948) und Grundgesetzverabschiedung (1949) waren weiträumige Strukturen möglich: Immanuel Wolf brachte mit Freiwilligen am 4.3.1951 die erste Nachkriegstagung der Hahnemannia zustande (125). Die Vorkriegszahlen wurden im geteilten Deutschland nicht wieder erreicht, ja, in der DDR mit Ambulatorien und rein naturwissenschaftlichen Krankenhäusern wurde der Homöopathiegebrauch so stark eingeschränkt, daß keine Homöopathen mehr ausgebildet wurden, die immer selteneren Behandler (von etwa 1200 auf 78, zuletzt noch 10) durften zuletzt fast nur noch Umschläge und Lehmpackungen anwenden. Ins Metzinger Heimatbuch (1959) wurde der Homöopathische Verein gar nicht erst aufgenommen: Homöopathen Kellerkinder ? Die inhaltlichen Debatten kreisten um Anerkennung, etwa in Form eines Lehrstuhls für Homöopathie, mindestens als Lehrauftrag wie vor dem Krieg in Berlin, ausgefüllt von Dr.med. Ernst Bastanier (1870-1953) (126), oder in Frankfurt/M. 1935 von Dr.med. Wilhelm Münch (1884-1970) (auf Veranlassung von Prof. Volhard) oder wie im Dresdener Sanatorium "Weißer Hirsch", wo Prof. Manfred v. Ardenne (1907-1997) einzog und ein subventioniertes Institut (u.a.für Sauerstoffanwendung zur Krebs-Mehrschritt-Therapie KMT) leitete, wo er schließlich 500 Mitarbeiter beschäftigte (127). Mit 12.000 Unterschriften gestärkt, unterzeichnete Hahnemannia-Präsident Karl Fischle 1965 einen solchen Antrag an den Stuttgarter Landtag, angeregt vom Bezirk Brenz - eine weitergehendeBegründung fügte Dr. Paul Mössinger, Heilbronn, an als Vorsitzender des Landesverbands der homöopathischen Ärzte (128). Einzelne nahmen die fast wie in eifernden Religionskriegen heftigen Rivalitäten zwischen Tief- und Hochpotenzlern wahr und entdeckten, daß erst die lehr- und lernbaren originalen täglichen Hochpotenzen Hahnemanns Arzneien in ihrer Fülle erschlossen; besonders hilfreich waren dazu Dr. Rudolf Flury und der unnachahmliche Dr. Adolf Voegeli (129), Schweiz, zu dem Patienten (damals gab es nur Radio, kein oder kaum TV und ebenso wenige Autos, von Talkshows gar nicht zu reden) aus ganz Süddeutschland angereist kamen. Heilpraktiker wurden mit Homöopathie gleichgesetzt, vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, wo Familientradition ("von Mund zu Ohr") noch gelebt wurde; Georg Nagel als beliebter Redner verglich die Potenzstufen mit Klaviertasten (130). Mahner wie Bernhard Aschner (1883-1960) und Paul Lüth (1921-1986) oder Hausärzte alten Stils wie August Heisler wurden erst in einer neuen Krise der Hochschulmedizin entdeckt. Aber alle Politikerversprechen waren
nach der Wahl "Schall und Rauch"; die erstaunliche Zahl von Kliniken
und Krankenstationen, die Homöopathie anboten (ihre Anzeigen
füllten 1 bis 1 1/2 Umschlagseiten der "Homöopathischen
Monatsblätter"), nahm ab; wer kennt noch, wer wurde behandelt in
Krankenhäusern mit homöopathischer Abteilung wie Der scheinbar unaufhaltsame, magisch alles versprechende Zug von Antibiotica, dann Cortison und Antibabypille, zuletzt die Verrechtlichung auch des Medizinsektors (132) und die ungemein gewachsenen Geldsummen des Krankenversicherungsbereichs ließen die Homöopathen völlig antiquiert, ja unseriös erscheinen, bis illegale Drogen neben Schulhöfen gehandelt wurden, bis allopathische Arzneischäden und eine Chronifizierung der Wohlstandserkrankungen in eine unbezahlbare Ausbildungskrise, ja Existenzzweifel mündeten: Contergan wurde zum geflügelten Stichwort dieser Irrung und Menetekel für Machbarkeitswahn und Verzicht auf Heil-Mittel (definiert als 1.Wiederherstellung des Unversehrten und 2. narbige Abheilung): auf ihrer Titelseite vom 12.6.1987 mit dem Stichwort "Maschinenherz" schreibt die Hamburger ZEIT: "Vier Monate nach dem Einpflanzen eines Kunstherzens ist in Berlin der Empfänger, ein 52jähriger Mann, gestorben...'Das störungsfrei funktionierende Kunstherz wurde gestoppt' - so heißt es wörtlich in einer Stellungnahme.... Eine makabre Situation: Die Technik erfüllt alle in sie gesetzten Erwartungen, aber der menschliche Körper versagt.... Eine Maschine wurde abgeschaltet-oder ein Mensch? Die Antwort darauf fällt schwer. Doch dies enthebt uns nicht der Pflicht, sie zu suchen." Einzig die Chirurgen, die mit immer feineren Geräten in die Grenzzone von Leben und Sterben eindringen, werden in unserer immer hektischeren Auto- und Freizeitwelt unverzichtbar und behalten den Nimbus des "Halbgottes in Weiß". Homöopathische Ärzte gab es nach dem verlorenen Krieg wenige. Die Hahnemannia veröffentlichte immer wieder Suchanzeigen (133). Prozesse um Kostenerstattung gingen frustrierend verloren. Erst eine vom Krieg unbelastet aufgewachsene Generation konnte ruhig urteilen. Andererseits ließ sie sich von der Idee einer unbegrenzten Machbarkeit überwältigen; fast ungehemmt gab sie den Begriff des Heilmittels preis und gebrauchte fast nur noch Apparate, Antibiotica und stark wirksame, bis in Abhängigkeit reichende Arzneien (eigentlich nur für Akut- und Notfälle gedacht) wie Cortison und Valium, bis die Mißbrauchsfolgen alles Bekannte übertrafen, Erreger resistent wurden und die Pathologie im Zuge des Verbraucherschutzes Arzneischäden, z.B. durch Kopfschmerzmittel irreparable Nierenschäden wie die sog. Phenacetin-Niere, lehren mußte, bis der Heidelberger Medizinstatistiker Dr. Ulrich Abel in seiner Bestandsaufnahme 1990 schrieb: "Auch heute noch, nach mehreren Dekaden intensiver klinischer Therapieforschung an zytostatischen Substanzen, fehlt für die allermeisten Krebse jegliche Evidenz dafür, daß die mit diesen Substanzen durchgeführte Krebsbehandlung in ihrem Hauptanwendungsbereich, nämlich bei fortgeschrittenen Krankheitsstadien, überhaupt einen günstigen Einfluß auf die Lebenserwartung ausübt. Die gemeinhin verbreiteten Erfolgsmeldungen sind, was die epithelialen Krebse betrifft, zumindest irreführend." (134) Dr. Abel als Mitarbeiter des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg und Kommissionsmitglied des BGA zur Beurteilung von Statistiken über Homöopathie, Phytotherapie usw. muß es wissen; dann aber bleiben Vermeiden und alte, ungiftige Rezepte wie die Saftkur von Rudolf Breuß usw. weiterhin im Gespräch der Heilkunde, denn schon der zweite Issels-Prozeß (ab Juni 1961) hatte die unverzichtbare Bedeutung der unspezifischen Kräfte betont. Die Laienvereine hielten durch ihre heroische Nachfrage homöopathische Arzneien lebendig; wesentlich waren Heilpraktiker, als das Behandeln im Umherziehen verboten wurde (um Massenaufläufe wie im August 1949 zum 'Traberhof' nahe Rosenheim/Bay. zu vermeiden, wo Tausende von Bruno Gröning (1906-1959) Wunderheilung erwartet hatten), wie der Franziskanerpater Innozenz (1903-1984) in Rottweil/N. mit seiner seherischen Begabung; sie schrieben meist Komplexmittel auf; das Beobachten und Vergleichen der Irisphänomene (sog. Iris-Diagnose) nach J. Angerer, J. Deck , M. Madaus-Flink , A. Maubach und Rud. Schnabel war ihre wichtigste Diagnosemöglichkeit (135). Für die Kriegs- und Nachkriegsjahrgänge mit Sechstagewoche waren Lernen vom Nachbarn, einfache Ausflüge und regelmäßige Geselligkeit im Überschaubaren bestimmend. Freilich klagte die Verbandsleitung immer wieder über Nachwuchsmangel; Männer dominierten das öffentliche Auftreten, zumindest waren sie eindeutig überrepräsentiert, denn die ganz große Mehrzahl waren und sind Hörerinnen bzw. Patientinnen - und Schreibunlust wurde schon 1882 beklagt (136). In Heft 9 S.194 des 96. Jahrgangs/1971 steht als Ergebnis einer Leserumfrage vom Februar über die Berufe der LeserInnen: alle Schichten, aber 10% sind Hausfrauen, jeweils 8% Angestellte und Techniker, Ingenieure und kaufmännische Berufe, 6% pädagogischeBerufe, 3% Heilberufe, 5% Handwerker, 5% Gärtner und Landwirte, 5% Beamte, | |||